Mit 78 ins Tiny House oder man ist nie zu alt, um Neues zu wagen

Meine Frau Mama ist 78 Jahre alt und startet noch einmal neu durch. Sie packt ihr Hab und Gut, kommt zu mir nach Norddeutschland und zieht in ein Tiny House.  Und weil ich das in ihrem Alter bewundernswert finde und weiß, dass das Thema „klein und reduziert leben“ viele interessiert, möchte ich euch hier teilhaben lassen an der Reise in ihr neues Leben . Ab jetzt heißt es hier auf diesem Blog „Oma goes Tiny“.

Einen alten Baum verpflanzt man nicht. Zu alt fürs Tiny House?

Letztes Jahr im Oktober besuchte ich auf der Durchreise in die Bretagne mal wieder meine Frau Mama im Elsass. Und war sprachlos. Sie war voller neuer Zukunftspläne. Weg mit dem Haus und dem großen Grundstück, alles entrümpeln und ordnen und die letzten Jahre in einem kleinen Zuhause im Grünen erleben. Gerade groß genug, um alles Nötige darin unterzubringen und klein genug, um es ohne Probleme selbst in Ordnung zu halten.

Haus Mama Elsass
Das Haus meiner Mutter.

Meine Mutter ist zwar guter Dinge und im Geiste jung geblieben, aber leider durch eine Gehbehinderung körperlich sehr eingeschränkt. Kommt sie im Haus noch gut zurecht, geht außerhalb ohne Auto und Rollator nichts mehr. Haus und Garten, treppauf und treppab, alles zu anstrengend für sie und ohne viel Hilfe von Familie und Nachbarn nicht mehr zu bewerkstelligen.

Frau Mama will aber, so lange es geht, so autark wie möglich leben, ihre noch vorhandene Kraft nicht für Unnötiges verschwenden und vor allem zurück ins Land ihrer Muttersprache. Am liebsten irgendwo in den Norden, wo die Sommer nicht so heiß und der Menschen nicht so viele sind. So ein Glück für sie, dass ich im Norden auf einem schnuckeligen, grünen Campingplatz in einem Tiny House lebe.

Hund im Hof
Er und seine Schwester wollen natürlich auch mit ins neue Zuhause.

Ich kann die Gründe nachvollziehen und unterstütze deshalb gerne Frau Mamas Pläne. Warum sich als Alte an das Alte klammern, wenn man doch spürt, dass es einem nicht mehr gut tut. Was kann schon schiefgehen? Ihre Grundversorgung ist durch die Rente gesichert, das Tiny House finanziert sich durch den Hausverkauf und der Rest kommt auf die hohe Kante für all das, von dem man nicht weiß, ob und wie es kommen wird. Zurückbleibende Familie und Freunde sind dank Internet und Telefon jederzeit erreichbar und die Entfernungen nicht so weit, dass man sich aus den Augen verliert, wenn man das nicht möchte. Also alles gut.

Skizze Zirkuswagen Rückseite

Barrierefreies Tiny House für Senioren

Abgesehen davon, dass mindestens ein Helfer in der Nähe wohnen (in diesem Falle also ich) und bei eventuellem Bedarf eine gute medizinische Versorgung vorhanden sein muss, war die wichtigste Überlegung  natürlich: Wie müsste ein Tiny House konstruiert sein, damit es auch noch problemlos bewohnbar ist, wenn die Behinderung sich verschlechtert oder weitere Alterserscheinungen auftreten.

  • Auf jeden Fall muss das Haus eingeschossig sein. Also eher ein Zirkuswagen als ein klassisches Tiny House mit Loft wie meines.
  • Anstatt einer Treppe soll eine Rampe zur Eingangstür führen. Der Vorplatz muss überdacht sein.
  • Die Türen müssen breit genug sein, um zur Not auch mit Rollator oder Rollstuhl durchzukommen.
  • Ein geräumiges Bad mit großer Duschkabine und erhöhter Toilette ist notwendig.
  • Räumliche Trennung von Wohn- und Schlafbereich. Der Wohnbereich sollte genug Platz für ein Bettsofa bieten. So dass jederzeit jemand dort übernachten kann.
  • Das Bett muss zwecks erleichtertem Ein- und Ausstieg höher angebracht werden.
  • Die Fenster sollen alle nach innen öffnen, viele Schubladen anstatt Regalbrettern in den Schränken und aus Sicherheitsgründen weit und breit kein Gas im Haus.

Das sind die nur die größeren Details. Es bedarf noch anderer kleinerer Hilfsmittel. Aber das zeigt sich in der Benutzung und wird nach Bedarf optimiert.

 

Skizze Tiny House von hinten und vorne

Und wer baut nun Omas Zirkuswagen?

Meine sehr internetaffine Mutter hatte sich im Vorfeld schon sehr genau über die verschiedenen Hersteller und ihre Angebote informiert.  Ihr Favorit war von Anfang an die  Zimmerei Holzbau Pletz aus Ortenburg in Bayern, die sich auf den Bau von Zirkuswagen, Tiny Houses und Bauwagen spezialisiert hat. Nach einer Kontaktaufnahme über die Website der Familie Pletz wurden erste Vorstellungen via Mail ausgetauscht und im Dezember folgte dann endlich ein Besuch vor Ort.  Ein kurzer, erlebnisreicher Bayern-Urlaub für Frau Mama und mich. Wir wurden von der Familie Pletz herzlich empfangen und sehr kompetent beraten. Auf die individuellen Bedürfnisse meiner Mutter wurde eingegangen, gute Lösungsansätze und passende Materialien und Ausstattungen gefunden und spätestens die vielfältige Tierschar der Familie Pletz mit Hund, Katze, Schaf und Ente bestärkten meine Mutter in der Entscheidung, eine gute Wahl getroffen zu haben 🙂

Skizze Grundriss Zirkuswagen
Der Grundriss des Zirkuswagens. Wohn-/Essbereich mit Küchenzeile, Durchgangsbad mit Schiebetüren und das Schlafzimmer mit kleinem Büro.

Jetzt hieß es das endgültige Angebot abzuwarten. Eine erste Skizze der Wagenansicht und den Grundriss bekamen wir bei unserem Vor-Ort-Termin gleich mit, so dass Frau Mama bei Ungeduld immer einen zufriedenen Blick darauf werfen und planen konnte. Als das Angebot kam, war die Aufregung natürlich groß, alles entsprach nach ein paar Mails und Telefonaten den technischen Vorstellungen von mir und den optischen und finanziellen meiner Mutter, so dass sie sich endgültig für die Zimmerei Pletz entschied.

Stellplatz, Hausverkauf und Entrümpelung – jetzt wird es ernst

Bis auf die Produktion des Zirkuswagens und dessen Lieferzeiten von drei bis vier Monaten stand zu diesem Zeitpunkt noch nichts fest. Also erst einmal Frau Mama eingepackt und sie ins Winterschmuddelwetter zu mir in den Norden verfrachtet. Gefällt es ihr wirklich hier, kann sie sich wirklich vorstellen, hier ihren Lebensabend zu verbringen? Und ja, sie kann. Weder Regen, noch Matsch und Kälte konnten sie dazu bringen, ihre Meinung zu ändern.

Auch die Frage des zukünftigen Stellplatzes war schnell und unkompliziert geklärt. Schräg gegenüber von meiner Parzelle wurde zum Zeitpunkt ihres Besuches ein schönes, großes Grundstück frei. Besser geht nicht. So wie alles bisher bei diesem Projekt. Seit der Entschluss von Frau Mama feststand, läuft es wie ein Rädchen ins andere. Als wenn alles genau so sein sollte. Toi, toi, toi!!!

Stellplatz Zirkuswagen
Das neue Zuhause für Zirkuswagen mit Oma und zwei Hunden wartet schon darauf, wieder bezogen zu werden.

Nun musste nur noch das Haus verkauft werden. Fünf Tage nach dem es online angeboten wurde, war der Käufer schon gefunden. Noch wohnt sie dort, sitzt ungeduldig wie auf Kohlen und wartet auf den Notartermin und die endgültige Übergabe an den Besitzer. Sie mistet schon kräftig aus, trifft jeden Tag Entscheidungen, was geht und was bleibt (viel ist das nicht. Eine Nugget-Ladung bis unters Dach und der Kofferraum ihres Wagens, mehr geht nicht mit) und alle helfen kräftig beim Entrümpeln. Ich kann gerade nicht bei ihr sein, starte aber spätestens eine Woche vor ihrem endgültigen Umzug, um ihr bei den letzten Arbeiten noch zur Seite zu stehen und dann geht es ab in das neue Leben.

Die zukünftige „Tiny-House-Oma“ muss nun viel Erinnerung und gelebtes Leben loslassen. Nicht einfach, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, aber ich habe das Gefühl, dass es sie befreit und ihr sehr gut tut. Sie freut sich so sehr auf das Neue, dass jetzt auf sie zukommt und kann es kaum noch abwarten, bis es soweit ist.

Unter der Rubrik „Oma goes Tiny“ gibt es zukünftig regelmäßig Infos über den Fortschritt des Wagensbaus, technische Details zum Zirkuswagen und wie sich alles so entwickelt. Der Auftrag an die Firma Pletz ist bereits erteilt, der Anhänger für den Wagenaufbau wird Anfang Juni geliefert und dann geht es los mit der Produktion. Wir sind gespannt und aufgeregt und harren, durchaus mit etwas Respekt, der Dinge, die da jetzt auf uns zukommen werden.

Bis demnächst, alles Liebe

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Nähere Infos zum unserem Zirkuswagen-Bauer findest du unter www.bauwagen.info oder www.zirkuswagenbau.net.

  1. Jean Paul HEITZ Herrlisheim

    sehr schöne Bilder von Gestern und Heute und interessante Zeichnungen und Komentar auf diesem Website;
    Wir wunschen einen schönen und langen Aufenthalt in OMA in diesem Tiny haus

    • Bonjour, Monsieur Heitz,
      vielen Dank für Ihre netten Worte und dafür, dass Sie Omas Leben weiterhin verfolgen. Oma ist sehr glücklich hier und bereut ihre Entscheidung nicht, auch wenn Sie noch oft an Herrlisheim und ihre netten und hilfsbereiten Nachbarn zurückdenkt. Vielleicht klappt es ja bald einmal mit einem Urlaub bei uns in der Lüneburger Heide. Wir würden uns sehr darüber freuen.
      Herzliche Grüße, Uschi

  2. Bald geht es los! Wir sind sehr glücklich, dass wir das neue Zuhause auf Rädern für „Mama“ bauen dürfen. Natürlich barrierefrei, individuell ausgestattet und ganz nach Ihren Wünschen geplant! Selbstverständlich werden wir Sie ab Baustart mit den jeweils aktuellen Bildern und Erklärungen auf dem Laufenden halten. Respekt für Oma, für diese Lebensveränderung braucht man Mut zum „Loslassen“, im wahrsten Sinn des Wortes!

    Ihre Familie Pletz
    mit Team

    Zimmerei & Wagenbau-Manufaktur

Ich freue mich über Kommentare